Wahrer Fußball und westliche Kommerzscheiße – ein spontaner Trip Tschechien

Es muss irgendwann auf Arbeit gewesen sein, als WhatsApp mir eine Anfrage meldete, ob man nicht spontan vier Tage später nach Tschechien fahren wöllte – Länderspiel gucken und etwas Sightseeing in Pilsen. Bei so einer Frage lies ich mich nicht zweimal bitten. Am Abend noch schnell nach weiteren Spielen gesucht, die Unterkunft gebucht und schon konnte es wenige Tage losgehen.

Zu dritt fuhren wir also nun zu unserem Spontan-Trip. Kurz vorm ersten Ziel sorgte eine Baustelle für Ernüchterung. Da wir keine Lust auf ewige Umleitungen hatten probierten wir es einfach über einen Feldweg und hatten Erfolg – allerdings waren wir uns nicht sicher, ob wir die nächste Tour nicht doch lieber mit Traktor antreten sollten. Das Spiel auf dem Sportplatz am Volkshaus in Gornsdorf wurde von einem befreundeten Schiedsrichter geleitet und rutschte so in unsere Auswahl Eine wirklich sachliche Analyse der Pfiffe gab der Umstand Alkokol einfach nicht mehr her und beschränkten sich somit eher auf „Schiri, der hatte schon Gelb“. Der Platz in Gornsdorf gehört wohl eher zu den schöneren Kunstrasenplätzen des Landes, was vor allem an der Lage in einem Tal zwischen typisch erzgebirgischen Häusern lag. Das Spiel im Kreispokal war allerdings so unattraktiv, dass wir gar nicht mal so böse darüber waren, auch eher wieder zu fahren (um das folgende Spiel zu erreichen).

Nach höchst philosophischen Gesprächen über Groundhopper und das Ultra-tum, erreichten wir Hostoun – ein kleines Nest nordwestlich von Prag. Das Regen wurde nur noch extremer und so dankbar waren wir über die kostenlosen Regenponchos am Eingang, während bereits die Spieler zur Champions-League-Hymne einliefen. Das sorgte bei diesem 4.Liga-Spiel natürlich erstmal für ein Schmunzeln bei uns, war aber bei diesem Lokalderby vielleicht gar nicht so ungerechtfertigt. 😉 Das Stadion Vojtěcha Zeithamla steht in einer einfachen Wohngegend und ist nicht viel mehr, als ein einfacher Sportplatz mit einer kleinen, kultigen Haupttribüne, neben der sich rund 20 Gästefans vom SK Kladno mit Banner und Gesängen einfanden. Als erstes wurde sich direkt eine schmackhafte Klobasa gegönnt. Das hier ist der authentischer Fußball!
Im Spiel hatte der Favorit aus Hostoun große Probleme mit den Gästen und so stand zur Halbzeit ein verdientes 0-3 auf der Anzeigetafel. Die Halbzeitshow begrenzte sich auf ein Juniorenspiel, welches laut Vereinshompage einen neuen Zuschauerrekord in deren Liga aufstellt. Die 1165 Zuschauer stellten aber auch einen neuen Vereinsrekord auf – so viele Zuschauer wohnten noch nie einem Spiel im hiesigen Stadion bei was bei der Dorfgröße von 11000 Einwohnern auch nicht verwundert. Während der Regen langsam nachließ und wir neben dem Treiben, die startenden Flugzeuge vom naheliegenden Prager Flughafen beobachteten, konnte Hostoun noch das 1-3 erzielen und in der 89.Minute einen Elfmeter herausholen. Dieser wurde aber kläglich vergeben und somit die letzte Chance auf den Anschluss vertan. Bei unserer Abreise begegneten wir nochmal dem „Gästemob“, die mit Polizeibegleitung das Dorf ins nirgendwo verließen. Sah schon putzig aus, wie da 20 verstreute Fans die komplette Straße zum Laufen einnahmen.

Wir fuhren weiter nach Pilsen und checkten in unserer Unterkunft ein. Unsere miserablen Englischkenntnis wurden zum Glück durch unsere Begleitung ausgebügelt, die wiederum sehr überrascht war, dass die Rezeptionistin das deutsche „Ich liebe sie“ scheinbar sehr genau verstand. Dass er die darauffolgenden Stunden diesen Satz noch X-Mal wiederholen würde, konnten wir alle noch nicht ahnen. Mit so einer Fülle von weiblichen Schönheiten haben wir in Pilsen nicht mal annähernd gerechnet. Hier kann man scheinbar nicht nur Bier. Nach einem kurzen Abendessen im „San Marino“ (passender konnte es kaum sein) ging es gemütlich zur Doosan-Arena. Eigentlich spielt hier der tschechische Erstligist Viktoria Pilsen, wie man an einer beeindruckenden Fußgänger-Unterführung nur unschwer erkennen konnte. Heute war aber eine Fanmeile für den anstehenden WM-Quali-Kracher Tschechien gegen San Marino aufgebaut. Aus dem eigentlichen Viktoria-Block durften wir heute das Spiel ertragen, welches natürlich wenig spektakulär war – vor allem für uns spontane San-Marino-Sympathisanten. Mini-Choreographien, Klatschpappen und Vuvuzellas waren zu viel für mich – in Halbzeit 2 schlief ich also eine Runde, ehe mich eine dieser Drecks-Tröten wieder weckte. Irgendwie waren wir auch wieder froh, dass die kommerzielle Kackscheiße eine Ende hatte. Nach dem Spiel trafen wir zufällig noch zwei Gästefans und konnten uns ein Foto + Smalltalk einfach nicht entgehen lassen. Erkenntnis des Tages: San Marino hat 30.000 Einwohner und eine eigene Fußballliga – „we think, every people from San Marino played in a footballclub“ (or so ähnlich).

Am folgenden Tag gab es etwas Sightseeing, böhmische Knödel, viel Bier und das absolute Muss – eine Brauerei-Rundführung in der Wiege des guten Pils-Bieres. Abschließend sorgte ich noch für einen Lacher, als ich beim Rückweg zum Auto noch meinen Bierbecher vom Vorabend fand, der auf mysteriöse Weise einfach verschwunden war. Vielleicht war da dann doch der eine oder andere Hopfensaft zu viel im Spiel.

 

 

 

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