Körperliche Beschwerden ermöglichten mir äußerst spontan einen freien Nachmittag. Eigentlich war ein Trip ins benachbarte Polenz geplant, aber als Kogen mit Chemie-BFC um die Ecke kam, war das Nachmittagsprogramm geklärt. Und so saß ich wenige Minuten später ohne Ticket und ohne Bargeld im Auto nach Leutzsch. Heutzutage sind solche Umstände ja kein Problem und so kaufte ich mir 13:15 (!) ein Online-Handy-Ticket. Wenige Minuten später standen wir dann auch im Alfred-Kunze-Sportpark. Immer wieder schön hier zu sein – man muss neidlos anerkennen, dass die Chemiker eine der schönsten Spielstätten der Republik haben.
Schnell wurden noch Programmheft und Nudeln gekauft und dann ging es zum Platz auf dem Dammsitz (Gegengerade). Chemie hatte den BFC-Fans statt den geforderten 500 insgesamt 800 Karten zur Verfügung gestellt und so war die komplette Hintertortribüne gut gefüllt. Die BFC-Fans erschienen komplett in Schwarz und versammelten sich nur hinter einem „In Gedenken an Mike Polley!“-Banner. Dazu wurde zum Einlauf schwarzer Rauch gezündet. Hintergrund sind die tödlichen Schüsse der Polizeigewalt beim Berliner Auswärtsspiel 1990 in Leutzsch auf einen jungen BFC-Fan. Es gab nie ein Verfahren gegen irgend einen Cop – aus Aufforderung auf Fußballfans zu schießen zählt in Deutschland eben als Notwehr. Die Fans zogen bereits vor dem Spiel in einem Trauermarsch zum Ort des Verbrechens und legten Blumenkränze nieder.
Chemie startet wie bereits erahnt mit einer Choreo zum anvisierten Klassenerhalt, welcher durch die Insolvenz-Abstiege von Erfurt und Chemnitz in weite Ferne gerückt ist. Schlimm, dass solide wirtschaftende Vereine wie Chemie Leipzig unter der Misswirtschaft zum Beispiel in Chemnitz leiden müssen.
Die Chemiker zeigten eine Schatzkarte als Blockfahne, auf der die kommenden Spiele als verborgene Schätze markiert waren. Dazu gab es das Banner „Gegen alle Gewalten, Klasse halten“.
Chemie kam gegen die B-Elf aus der Hauptstadt gut ins Spiel und konnte sich nach 15 Minuten mit dem 1-0 durch Merkel belohnen. Auch danach kam vom BFC nicht viel und Chemie konnte gegen die Liga-Zweiten immer wieder Chancen herausspielen. Auf Leutscher Seite gab es wieder einen wie gewohnt soliden und stimmungsvollen Auftritt auf den Rängen. Die Gäste schwiegen bis zur 66.Minute aus oben genannten Gründen – nur für einzelne Provokationen erhoben die Berliner ihre Stimme. Diese gab es im kompletten Spielverlauf immer wieder – da nahmen sich beide Seiten überhaupt nicht viel. Erstaunt war ich über einen einzelnen „Juden Dynamo“-Ruf, der aber sofort verstummte und durch umstehende Fans klar untersagt wurde.
In Halbzeit 2 ging es ähnlich weiter wie vor dem Pausentee. 5 Minuten nach Wiederanpfiff bekam Chemie einen völlig berechtigten Foulelfmeter, welchen die Grün-Weißen aber kläglich verschossen. Um uns herum entstanden die ersten Horrorszenarien: Weiter seine Chancen nicht machen und kurz vor Schluss dann Gegentore kassieren. Scheint eine sehr Chemie-typische Gesamtsituation zu sein. Und genau diese trat dann auch in der 88.Minute ein. Der Schiri erkannte das Tor aber nicht an – vermutlich wegen einer Abseitsstellung. Danach explodierte der AKS – das ganze Stadion stand und sang. 4260 Zuschauer schafften eine absolute Gänsehautatmosphäre. In dieser konnte der BFC nicht mehr zum Ausgleich kommen, welcher sowieso kaum verdient gewesen wäre. Nach Glanzleistung der BSG Chemie, bleiben (nachdem alle Konkurenten im Abstiegskampf ebenfalls siegten) die wichtigen 3 Punkte in Leipzig.
#Flo
