„Entschuldigung, aber dass sind ja alles nur noch Idioten!“ – ein denkwürdiger Besuch in Halle

Standesgemäß wurde das Wochenende am Freitag Abend mit Abriss bei Feine Sahne Fischfilet und den toten Hosen gestartet. Dementsprechend waren wir Samstag früh auch zerstört, als wir uns zum heutigen Trip trafen. Johannes hatte sich die letzten Wochen sehr an die 3.Liga gewöhnt und machte in den gefühlten ersten 2 Wochen der Saison bereits alle seine Wunschziele für 2018/19. Stark. Dementsprechend bauten wir uns um den Hauptkick beim Halleschen FC eine kleine Tour mit dem Roten Stern Halle und einen U17-Frauen-Spiel auf.

Als erstes ging es zum BSV-Sportplatz in Halle zum Spiel Halle-Ammendorf II gegen den Roten Stern Halle. Es passte uns ganz gut in den Kram und vielleicht war es nicht verkehrt zu schauen, wie es eigentlich so beim Stern in Halle läuft. Gleich vorne weg – Vergleiche mit dem Leipziger Stern brauchen wir nicht stellen. Circa 20 Gäste ohne Banner etc, die einfach nur Fußball schauen wollten. Dies passte eigentlich ganz gut auf diesen kultigen Acker. Der Platz mehr Staub als Gras, drumherum alles verwachsen und vergammelt, oben drüber führte eine Hochspannungsleitung und die Krankentrage stand für Johannes und mich auch bereit, falls wir nach unserem Vorabend doch noch zusammen brechen sollten. Kurz vor Anpfiff stellte sich ein älterer Herr zu uns, der augenscheinlich geistig etwas eingeschränkt war. Er polterte auch direkt in einem halleschen Dialekt über regionalen Fußball los und führte uns in die Stadt ein: „Kennt ihr den Wörmlitzer Platz?“ – „Nein, wir sind nicht von hier.“ – „Nein, den kennt ihr garantiert.“ und direkt ging es weiter. Als nächstes präsentierte er uns sein Wissen zur Dresden-HSV-Absage:
„Naja jetzt ham se ja HSV abgesacht. Bestimmt wegen den Chaoooten. Weil die Bullen das wieder nicht absichern könn. Die sind doch alle nur noch bekloppt. Entschuldigung, wenn ich dass so sachen muss, aber dass sind doch nuuur noch Idiooooten. Da gehts doch nich mehr uuum Fußball. Die sind doch alle kaputt…“

Eh wir uns vor lachen bepissen konnten, holten wir uns erst einmal ein Getränk. „Immer diese UUUUUUltras.“ Die Sache in Dresden hat allerdings auch einen ernsten Hintergrund. Wir kommen darauf zurück. Im Spiel gewann am Ende Ammendorf mit 4-0. Flo ging auch in Sachen Spielballberührung mit einem unfassbaren 6-1 in Führung. Dabei sollte es heute auch bleiben.

Schnell noch ein Schnitzel reingehämmert und ab zum HFC. Wir verpassten den Anpfiff um 10 Minuten, da der Kartenverkauf sehr schleppend lief und Kreditkarten-Zahlung im voraus nach schlechten Erfahrungen ausfiel. Generell sind Vereine für mich kriminell, wenn sie im VVK nur Kreditkarten-Scheiße annehmen.
Zum wesentlichen: Das Stadion liegt top idyllisch mitten in einem Wohngebiet – ist aber eben auch das hässlichste Stadion Mitteldeutschlands. Eine dieser elendig hässlichen 0815-Stadien, welches im Gegensatz zu zB Chemnitz nicht mal von außen schön aussieht. Auch für die Fans habe ich nicht allzu viel übrig und wurde schnell bestätigt. Immer wieder kamen aus unserem Block „Zecken, Zigeuner und Juden“-Gesänge, die weder Ordner noch andere Fans auch nur minimal tangierten. Auch sonst erlebten wir die Halle-Fans maximal asozial. Neben seinem Kind zu rauchen, Kinder mit halbleeren Pfeffi-Flaschen spielen zu lassen, in der Schlange zu prallen, wer alles in Chemnitz war (und ist) und sich nach dem Spiel untereinander zu prügeln, weil ein Blick nicht passte. Hannes verstand schnell, warum ich nicht nochmal zum HFC möchte.

Auf dem Platz sahen wir ein attraktives und hochklassiges Spiel, welches Halle jedoch dominierte und kurz vor Schluss eine 1000%ige Chance liegen lies. So sahen wir am Ende ein unterhaltsames 1-1 mit schönen Toren und Chancen. Unterhaltsam auch, da uns auf den Tribünen echt was geboten wurde. Halle überzeugte mit einem überraschend starken Support, wenn ich auch nicht von einem Hexenkessel sprechen möchte, wie der HFC es tut. Auch Osnabrück präsentierte sich akkustisch gut und mit einer ebenfalls sehr hohen Mitmachquote. Von den 7.500 Zuschauern werden gut 4-500 aus Osnabrück gewesen sein.

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Nach dem Spiel ging es entspannt weiter nach Halle-Neustadt – ein am Reißbrett entworfenes Arbeiter-Stadtviertel aus DDR-Zeiten. So darf man sich das auch vorstellen. Alles voller Platten und heruntergekommen. Dass da noch eine TRAM Richtung „Frohe Zukunft“ fährt, ist sehr amüsant. Mit dem Stadion am BIZ hat man einen echten Pott ausgegraben. Übertrieben groß und aufwendig renoviert fasst es über 5.000 Zuschauer und vertrug sicherlich früher noch viel mehr. Über die Geschichte lies sich leider gar nichts herausfinden. Heute gibt es noch die große Haupttribüne mit 2.000 Klappsitzen, einem Wirtschaftsgebäude, aus dem lange gute Musik zu hören war und zwei Stehplatzkurven mit nicht allzu großen Ausmaßen. Passend zum Kiez erhebt sich im Hintergrund ein irre großer Plattenbau. Die Frage bleibt, wozu es dieses Ding eigentlich so gut in Schuss noch gibt. Der HFC lässt ja die allermeisten eigenen Mannschaften im eigenen Trainingszentrum spielen. Zur Zeit spielt hier der FC Halle-Neustadt und eben die U17-Damen des Halleschen FC’s.

Diese spielten aber erst einmal noch gar nicht, da der Schiedsrichter, der Linienrichter einer anderen Partie auf dem Nebenplatz und diese erst sehr spät endete. Eine Trinkpause war für ihn noch drin – dann musste die arme Sau direkt weiter. Mit 20 Minuten Verspätung ging es los. Der HFC empfing Johannstadt. Spannend ist, das die HFC-Mädels in der Landesliga Sachsen mit kicken. Seit heute wissen wir ja, dass der Verein (oder seine Fans) zumindest auch braun genug dafür sind.

Leider – und dass muss man auch als gebürtiger Sachse sagen – kommen die Probleme in Chemnitz nicht von ungefähr. Jeder von uns kennt Nazis und auf jedem Dorffest sind sie in einer Überzahl präsent, die besorgniserregend ist. Nicht für die sächsische CDU: Wir haben alle gelernt, dass es in Sachsen keine Nazis gäbe und Vorfälle in Brandis, Mügeln und mit dem Terror-Trio bedauerliche Einzelfälle wären. Auch heute „trauerten“ in Chemnitz wieder Hooligans und Nazis und beschämten damit Opfer und Angehörige in ihrer echten Trauer. Uns kam im Laufe des Tages das ungute Gefühl, dass wir eigentlich in Halle nichts verloren hätten, denn in unserem Dunstkreis ist die Demokratie in Gefahr, während wir (hart wie es ist) dämliche Fußballplätze sammeln. Für uns war es die Spielabsage bei Dynamo Dresden ein Weckruf – es gibt wichtigeres als Fußball. Hier geht es nicht mehr lästige Aufmärsche. In Chemnitz und überall ist gerade unsere Demokratie in Gefahr. Sie ist das höchste Gut, welches wir haben. Und dieses sollten wir auch verteidigen! Allerdings nicht mit Gewalt, denn diese verschärft die Situation nur noch mehr.
Friedlicher, aber klarer Protest sind unerlässlich und sollten für jeden für uns wichtig sein. Nicht nur wenn die Toten Hosen auftreten, sollten wir ein Zeichen gegen Arschlöcher setzen. Arschlöcher, die in einem Konflikt Messer zücken und Arschlöcher, die einen Todesfall missbrauchen, um unsere Demokratie zu zerstören.

Auch dies muss leider sein. Zurück nach Halle: Frauenfußball kommt bei uns häufig zu kurz, weil die Spielqualität im Amateurbereich häufig nicht sehr hoch ist. So wurde auch beschlossen, für einen echten Vergleicht zeitnah mal etwas anderes zu schauen, als Frauen Landesliga oder Stadtklasse. Das Spiel endete am Ende mit 9-4 für die Gäste und wir konnten das Stadion erst glücklich verlassen, nachdem Flo auch fachlich fundiert nachweisen konnte, dass 5 Cent pro Gummi-Frosch am Kiosk Wucher sind. Man stelle sich vor, alles würde um 1/5 teurer werden…

Abschließend ging es wieder gen Heimat. Halle reizt uns schon nochmal – der HFC wird aber zukünftig gemieden. Im Auto wurde dann noch der Flug zum nächsten Hopping-Highlight auf der Insel gebucht. Manchmal ist dieser Lifestyle einfach krank.

#Flo

 

 

 

 

 

 

 

 

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