„Wir haben die Eintracht im Endspiel gesehen…“

Im Grunde war bereits vor den Halbfinalspielen der Euro-League klar, dass man sich das Finale in Verbindung mit einem kleinen spanischen Kurzurlaub durchaus mal geben könnte. Da West Ham starken Frankfurtern im Halbfinale unterlag und Leipzig mustergültig bei den Glasgow Rangers verkackte, zahlte sich die rechtzeitige Buchung echt aus. Frankfurt gegen Glasgow kann man schon mal sehen! Sicher waren wir etwas naiv, an Karten zu kommen. Der Schwarzmarkt regelt sicher einiges, aber sowohl ausschließlich digitale Handytickets, als auch die große Zahl an mitreisenden Fans ließen jegliche Ambitionen auf eine Teilnahme im Ramon Sanchez Pizjuan Stadion in Sevilla schwinden. Also fokussierten wir uns auf Feierei und Action rund ums Stadion – die wohl auch deutlich bessere Wahl.

Mit dem nach schlafenden Menschen miefenden Flixbus verließ man also am Dienstag in aller Frühe die Messestadt gen Prag und gönnte sich da erstmal ein fettes Frühstück bei Mc’s. Bereits hier war klar, dass es eigentlich nur noch asozial werden würde. Dankend nahmen wir im Shuttle zum Flughafen das Angebot von Spielen auf dem eingebauten Bildschirm wahr und battelten uns im Snake-Spielen, ehe wir die Eurowings-Maschine bestiegen und Malaga ansteuerten. Vor Ort erkundete man natürlich direkt die Hafenstadt. Neben Mittelmeer und Saharastaub am Horizont, konnte auch ein Sportgeschäft ausfindig gemacht werden, welches Trikots & Schal der DDR-Nationalmannschaft im Angebot hatte. Vor lauter Ektase legte sich Hannes direkt danach auf die Schnauze und konnte damit für die nächsten Tage seinen linken Arm abschreiben. Das war besonders dahingehend tragisch, da ich grade erst meine Leidenschaft fürs E-Scooter fahren entdeckt hatte. Die Laune konnte mit Schmerzmittel und Bier bei allen Beteiligten schnell wieder gehoben werden und so feierten wir mit Glasgow Fans in die Nacht. Die wenigen Frankfurter, die sich ebenfalls in der Stadt aufhielten durften friedlich mitfeiern. Eine ganz sympathische Atmosphäre – auch da sich die Polizei zur Abwechslung mal im Hintergrund hielt. Es wurde noch bis tief in die Nacht gefeiert.

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei der „Pharmazie de Orthopädie“ (oder so ähnlich) und einer Schiene für den schwerverwundeten Mitreisenden, wurde dann der Mietwagen einkassiert. Statt dem versprochenen Fiat Panda, fuhr man mit einem Audi A1 vom Hof und verließ dann Malaga schnell gen Niemandsland. Ein hoch auf die klimatisierten Autos, denn in den zwei Stunden Fahrt stieg das Thermometer zusehends von 25 auf 35°C. Während ich im Auto fast erfror, kühlte Johannes immer weiter runter, denn es sei ja „ganz schön warm“. In Sevilla checkte der feine Herr dann, dass die Lüftung auf seiner Seite ausgeschaltet war. Alter. Kein Wunder, dass ich mich mehrfach verfuhr, da ich mir sicher war, dass diese Route „die bessere sei“. Nach dieser Fahrt war es nur Folgerichtig, dass erstmal Ibu & Dosenbier konsumiert wurde. 10 Minuten an der Luft reichten uns bereits wieder aus und so landeten wir auf dem Fanfest der SGE zu den Beats von Celo & Abdi, Oberkörperfrei im nächsten Brunnen. Frankfurt Asozial! „El Presidente“ Peter Fischer stimmte die 30.000 Hessen ein, während wir gefragt worden, ob wir Gras oder Tickets verkaufen. Und dann ging es auch schon Richtung Stadion. Wir entschieden uns für den falschen Fanmarsch und verpassten so eine kleine, aber heftige Auseinandersetzung zwischen Frankfurtern und Glasgowern. Es war nicht die erste – bereits am Abend zuvor waren Stühle geflogen und zwei Frankfurter festgenommen worden. Alles in allem erlebten wir allerdings eine sehr friedliche Atmosphäre.

Sevilla ist sicher eine wunderschöne Stadt, aber eines Finalspiels dieser Dimension einfach unwürdig. Bei 80.000 Rangers oder 40.000 Frankfurtern in der Stadt, waren Wasser und Bier in den Supermärkten rasch ausverkauft. Im Stadion sollte es für die Gästefans später gar nichts zu trinken geben – selbst in den Toiletten war das Wasser abgestellt. Bei 40.000 Plätzen in der Bruchbude Ramon Sanchez Pizjuan blieben dem jeweiligen Fanlagern grade einmal 10.000 Plätze. Irre lächerlich. Schwarzmarktpreise gingen bei 1500€ los, für 4.000€ wurden Ordner schwach und überlegten, eine kleine Gruppe Chemiker illegal einzuschleusen. Und die Bullerei versüßte den Nachmittag erst richtig…

Während wir eigentlich recht easy Richtung Stadion kamen, wurde der Großteil der Eintracht Fans vor diesem Abgefangen. Ok, nennen wir es nicht abfangen. Die Cops benötigten eine Viertelstunde um hektisch und Trillerpfeifend eine Kette zu s

tellen. Der „Sinn“ der Aktion erschloss sich erst später – immer so 200 Fans ins Schüben Richtung Stadionvorplatz zu lassen. Kommuniziert wurde das ausschließlich in der Weltsprache Spanisch, was einen schon Kopfschüttelnd zurück lies. Und so wurden die nächsten 2 Stunden immer an unterschiedlichen Stellen Fans kurz durchgelassen, um dann Wahlweise mit Pferden oder Schlagstöcken diese wieder zu schließen. Der spanischen Flügelzange viel alles zu Opfer was da in die Quere kam. Wir erlebten weinende Kinder, hyperventilierende Frauen und anwohnende Familien, die auch nicht durchgelassen wurden. In gewohnt deeskalierender Ansprache natürlich. Deutsche Fußballfans kennen diese Schikanen ja bereits – nur so ist zu erklären, dass es friedlich blieb. Keine Böller, keine von Fans ausgehende Rangeleien. Respekt.

Geil waren an diesem Tag natürlich die vielen Gespräche mit Frankfurtern und solchen, die sich als Frankfurter ausgaben. Die Quote derer, die sich als Chemie-Fans ausgaben, ohne wirklich welche zu sein, war beeindruckend. Dass das aber nicht nur zu sichere Rasenball-Frühbucher waren, sondern zB auch Südtribünen-DK-Besitzer aus Dortmund, hat uns dann endgültig umgehauen. Noch besser wurde es allerdings dann, als wir Hopper aus dem Muldental trafen – gleicher Jahrgang, Nachbarschule und trotzdem einander nicht bekannt. Ja da musste halt extra nach Sevilla fahren, um neue Connections zu knüpfen. Nachdem wir uns in einem Burgerladen die personalisierten Burger reingekippt hatten, pilgerten wir dann zum Fanfest zurück. Dabei verbrannte ich noch meinen Turnbeutel mit meinem Hab & Gut, nachdem ich 5 Minuten vorher ausversehen meine Kippe da rauf schmiss & dass zündeln dann nicht bemerkte. Während alle anderen froh waren, dass der Mietwagenschlüssel nicht kaputt ging, war ich einfach froh, dass ich nicht mitverbrannte. Aber gut, da setzt halt jeder seine Prioritäten anders.

Beim Public-Viewing gings dann ganz schön ab. Leiden, Freude, Pyro, Bier, Gesänge – alles war dabei. Spielberichte könnt ihr an anderer Stelle lesen. Der entscheidende Fakt ist, dass Frankfurt letztlich im Elfmeterschießen den Europapokal holt und dass das bei uns auf dem Fanfest gebührend gefeiert wurde!

Nach dem Spiel dachten wir uns „Jo, jetzt latschen wir nochmal zum Stadion – da geht sicher die Party erst richtig ab.“ Uns kamen erst zerstörte Rangers-Fans entgegen, was soweit nachvollziehbar war. Dass danach aber noch niedergeschlagenere Fans der Frankfurter Eintracht entgegen kamen, überraschte uns dann schon. Daran änderte auch der Mannschaftsbus wenig, der die Massen passierte und nur zurückhaltend gefeiert wurde. Wir kehrten also um und liefen wieder zum Fanfest. Hier wurden bereits die Bühnen abgebaut, fast alle Fressbuden & Saufstände hatten zu, die Mannschaft lies sich auch nicht blicken (feierte lieber exklusiv in einem Club) und überall hingen 2 Stunden nach dem großen Cupsieg Eintracht-Fans rum. Ein verzweifelter Frankfurter Zwischenruf „Was soll die scheiße hier, sind wir auf einer Beerdigung?“ oder auch „Da ist ja selbst auf ner Bayern-Meisterfeier mehr los…“ fasste die Stimmung wohl gut zusammen.

Sicher gehen hier die Meinungen auseinander: Nach 6 Stunden ohne Wasser und so einem Spiel darf man wohl auch einfach mal K.O. sein, andererseits hat man hier grade den größten Vereinserfolg der letzten Jahrzehnte geholt und dann ist es einfach so still. Sicher würden die meisten Fans anderer deutscher Vereine danach genau so aussehen, aber über sie hätte man danach im Mainstream deutlich mehr gelacht. Die Berichterstattung fokussierte sich nun eher auf die Feiereien in FFM und nahm Sevilla kaum in Blick. Hier hatte Frankfurt abseits vom Stadion zahlenmäßig und akustisch in unserer Wahrnehmung doch deutlich gegenüber Glasgow verloren.

Enttäuscht verließen wir als Sevilla, schmissen uns wieder in die Karre und steuerten nach Malaga zurück, wo doch noch der ein oder andere Bus mit feiernden Schotten überholt wurde. Der Rückflug nach Berlin wurde gepflegt verpennt. Es stand schließlich direkt das nächste Highlight mit der Aufstiegsrelegation zwischen Hertha und HSV auf dem Plan…

Weitere Bilder und Schmunzelnswertes:

In spain we call it „Fiat Panda“.
Spanische Autobahnen sind nicht mit den deutschen Sprinterpisten vergleichbar. Die niedrige Höchstgeschwindigkeit, Schlaglöcher und kurvenreiche Verläufe sind jedoch für Nachtfahrten äußerst gut geeignet. Ich fühlte mich die ganze Rückfahrt über gut unterhalten 😉
Irgendwo hinter der nächsten Leitplanke erwartet man das Filmset eines Wild-Western-Filmes.
Wenn Aufregung ansteht, ist der breitgrinsende Bild-Reporter nicht weit entfernt…
Der Bruder hat verstanden wir man mit Hitze und leerem Geldbeutel umgeht. Wir staunen und lernen.
Deal!
„Da ist des Hoppers wahrer Himmeln. Zufrieden schlaf ich krampfend ein – hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ (Rainer, Rainer, Rainer!!!)
Vielleicht hätte man mit einem Behinderten leichter Eintritt ins Stadion gehabt?

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