Freibier und Abstiegsspiel beim Chaosclub

FC Grün-Weiß Piesteritz II (1-1) SV Grün-Weiß Wörlitz
11.06.2022 / 12:30 Uhr
Stadion Volkspark, Wittenberg / 30 Zuschauer
Herren / Landesklasse St.6 – Sachsen-Anhalt (7.Liga)

Auf Drängen von Johannes weitete man seinen Suchradius heute Richtung Sachsen-Anhalt aus und entdeckte einen nahezu traumhaften Doppler. Und eh man sich versah, hing man in der S-Bahn nach Wittenberg. Als wir in Leipzig-Nord aufeinander trafen, hatte ich schon meinen ersten Junggesellenabschied gesehen und war Johannes gefühlt bis zur Essener Straße gerannt, so wie sich der Silberblitz verbremst hatte. Klar gab es heute einen Stehplatz in der Bahn, aber brechend voll war es nicht. Einen Kaffee später strandete man auch schon in der Lutherstadt, wo man dann verzweifelt auf den Anschlussbus wartete. Möglicherweise fuhr dieser auch, irgendwo zwischen den Reisebussen zur Schlagernacht des Jahres. Nach kurzer Debatte entschieden wir uns dann aber doch, zum Fußball nach Piesteritz zu fahren. Dank des Puffers war dies auch ohne Bus alles machbar und so konnten noch einige Aufkleber verschiedenster Clubs besichtigt werden, die friedlich ihr nachbarschaftliches (K)leben fristen.

Die Anlage in Piesteritz ist doch nochmal einige Kilometer vom Wittenberger Stadtzentrum westlich gelegen und es braucht angesichts der umgebenden Industrieanlagen wenig Fantasie, dass hier mal eine BSG Chemie angesiedelt war. Die Wurzeln reichen bis 1919 zurück, als der 1.FC Wacker Piesteritz das Licht der Welt erblickte. Dem für ostdeutsche Vereinsbiografien typischen Weg von Auflösung nach dem Krieg, Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Trägerbetrieb und nach der Wende Auflösung der Betriebssportgemeinschaft und Gründung der SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz, aus welcher sich wiederum in den 00-Jahren die Fußballabteilung heraus löste, findet man auch hier vor. Im Wittenberger Fußball blickt man also auf eine 100-Jährige Fußballgeschichte zurück. Dies verkündet zumindest eine DFB-Tafel gleich neben einer weiteren, wo die Partnerschaft mit dem 1.FC Magdeburg zementiert wird. Wo in Sachsen-Anhalt nun genau die Grenze zwischen Halle & Magdeburg verläuft, weiß wohl auch nur der absolut Ortskundige. Die Klebereien zuvor wiesen auf jeden Fall klar darauf hin, dass man hier mit dem HFC jedoch nichts am Hut haben will.

Von Erfolgen, wie der 2.Liga-Aufstieg von 1938 ist hier längst keine Rede mehr, aber auch nach dem Aufstieg in die Oberliga 2011 ist man tief gefallen. Dabei geht es weniger um das Sportliche, auch wenn die erste Mannschaft hier 15 Uhr dann ihren deutlichen Abstieg aus der Verbandsliga besiegeln wird. 2015 machte man erstmals negative Schlagzeilen mit finanziellen Problemen, Selbstbereicherung und internem Chaos. Es folgt ein endloses Drama „dank“ eines anonymen Tippgebers, der bei Polizei, Zoll und Mitteldeutscher Zeitung immer wieder gegen die Vereinsführung schießt. Es geht um Wechselfehler durch den falsch eingewechselten und nicht spielberechtigten Hr. Schmidt, die zu einer nachträglichen Niederlage am Grünen Tisch führen. Es geht um einen Spieler, der nach dem Training Krankenhausreif geprügelt wurde, den Verein daraufhin verlies und Anzeige erstattete. Der Anonymus machte dies gegen des Ex-Spielers Willen öffentlich und wirft dem Vorstand Vertuschung vor. Dieser hat den mutmaßlichen Täter nämlich nicht suspendiert, wie es andern Ort der Fall gewesen sei. Es geht um Schwarzarbeit einer ehemaligen Verwaltungsangestellten, die bei der folgenden Anhörung dies einräumt, damit eine Zoll-Razzia auslöst und selbst massive Anfeindungen erfährt. So werden Drohbriefe geschickt, ihr Auto beschädigt und 20 Jahre Engagement im Verein enden letztlich mit einem Polizeieinsatz bei einem Heimspiel nach Übergriffen gegen sie. Auch hier läuft ein Verfahren.

Heidewitzka. Schon die Recherche war ja absolut verwirrend und stressig!

Mittlerweile sind alle Verfahren nichtöffentlich und so ist es seit Anfang 2021 ruhig geworden im Volkspark. Bei alldiesen Strapazen, darf man durchaus überrascht sein, über die Ausstattung der Anlage. Auf dem Platz ist ein vollautomatischer, nagelneuer Mähroboter unterwegs. Dieser und ein zweiter auf dem Nebenplatz suchen jedoch noch mit Hilfe der G- & F-Junioren des Vereins ihren Namen. Sehenswert ist die 5.000 Nasen fassende Hütte allemal. Wenn ihr mal da seid, bringt euch ein Handtuch für die Vereinssauna mit Spielfeldblick (und mit WLAN!) mit. Dank des ausgebauten Gästekäfigs, könnte man dabei getrost auch mal einer aktiveren Szene zu schauen, wenn man denn nicht im Morast der unteren Ligen versunken wäre.

Ein Glück habe ich dies alles erst nach dem Spiel raus recherchiert, weshalb unser Besuch heiter und lustig ablief, was sicher auch nach den gezahlten 4€ Eintritt am ausgeschenkte Freigetränk lag. Anerkennend wurden die schicken Eintrittskarte und Becher bemerkt. Hochachtungsvoll gingen wir vor der Bocki auf die Knie, die so knackig und saftig war, dass man sich kurz im Honzaland wähnte. Nur die Bardame war etwas fertig mit der Welt. Während ich also 2€ Becherpfand bezahlte, nahm der Mitfahrer einfach seinen Becher so mit, was auch ok war. Wenn sie sich wirklich von allen 30 Zuschauern gemerkt hat, wer nun Pfand bezahlt hat und wer nicht, dann erklärt dies natürlich auch ihre absolut zerstörte Aura, die sich natürlich aber auch genau so gut mit der gnadenlosen Mittagshitze erklären lies.

Die zweite von Piesteritz empfing hier heute zum letzten Spiel in der Landesklasse Staffel 6 (durch Verbands- & Landesliga: 8.Liga) Grün-Weiß Wörlitz, welche auch bereits seit einigen Wochen schon abgestiegen sind. Erwartungsgemäß sah man in der ersten Halbzeit ein torloses Festival der Abschlussschwächen, so dass wir uns schon festlegten, hier kein Tor mehr zu sehen. Als dann noch ein Elfmeter verschossen wurde (souveräne Parade des Keepers: halb hoch links – merken!), gaben wir das unterhaltsame Gegurke schon auf. Kurze Zeit später ging der Außenseiter aus Wörlitz doch in Führung und machte anschließend Anstalten, direkt zu erhöhen. Dies würgte der Gastgeber schlussendlich ab und glich noch zum 1-1 Endstand aus. Als wir endlich den Platz gen Regio verließen, wurde erleichtert aufgeatmet. Das ständige Kindergeschrei, gejubel und Triller-Gepfeife vom nebenan befindlichen Schwimmbadfest strapazierte die Nerven aufs äußerste. Ja man wird halt auch alt.

Weiter nach Dessau!

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