Früher war ja nicht alles schlecht und die stundenlange Recherche nach dem besten Kick war mit das Beste am Hopping. Kennt ihr es noch? Ewig Spielpläne zu studieren, mit Google Maps und Informer alles aus-zu-checken und sich dann wie ein Keks zu freuen, wenn es sich gelohnt hat. In Zeiten von Groundhopping-Links-App, Europlan & co. ist das alles deutlich simpler und sicher hat das auch seine Vorteile. So Kicks wie am heutigen Dienstag-Abend im beschaulichen Orlatal hätte ich wohl nie gefunden…
Wo einem Mitte-Zwanziger solche Gedanken kommen? An einer Bahnhofs-Imbissbude in Jena-Göschwitz, nachdem man den Anschluss um 30 Sekunden verpasst hat (wieso sollte ein Bummelzug auch auf einen Regionalexpress warten?) und man nun 59:30 Minuten auf den nächsten Bummelzug warten darf. Ich schreibe ausdrücklich von darf, denn bei Fake-Currywurst, Coke, Bier und Ausblick auf das geschäftige Treiben in Jena, war’s echt erträglich. Schade nur um den anvisierten Gasthof an meinem heutigen Zielort Langenorla. So vermutete ich also den Anstoß aus der Bahn sehen zu dürfen. Da man freundlicherweise wohl auf mich wartete (so macht man das nämlich, liebe DB!) und erst 10 Minuten später an pfiff, konnte ich entspannt meinen Platz einnehmen. Wie der Name „Sportanlage an der Bahn“ schon vermuten lässt, fährt wenige Meter nebenan einmal stündlich eine Regio vorbei und ergänzt das malerische Panorama des Tals optimal. Von der ballernden Abendsonne blieben wir dank Berg jedoch verschont. Betonte ich schon mal, dass das alles sehr optimal ist?




Fußball wird auch gespielt. Orlatal III gegen Thalbürgel/Bürgel II. Was nach absolutem Hafer klingt, ist in der Tat ziemlich unterhaltsam. Sowas würde man in Liga 10 nicht zwingend vermuten, aber es durfte doch manch Ansatz von Fußball beobachtet werden. Bei den zur Schau gestellten Tunneln & (versuchten) Übersteigern vermutete man doch direkt, dass einige sich als neuen Topsponsor für die Mannschaftskasse empfehlen wollten. Unterm Strich gehts hier aber um nichts mehr. Sportlich ist Thalbürgel mit 4 Punkten und 6:54 Toren Letzter. Da gleich drei Teams zurückziehen und unter der 1.Kreisklasse Jena-Saale-Orla Staffel A auch nichts mehr kommt, juckts letztlich aber keinen. Und deshalb können die Gäste auch ganz befreit aufspielen und gehen nach 10 Minuten überraschend 0:2 in Führung. 31 Zuschauer sehen ein lebendiges Spiel, in welchem sich Orlatal III zurück kämpft und zur Halbzeit das 2:2 schießt. Verdient.




Fertig machen zur Halbzeitanalyse auf dem Scheißhaus. „Jetzt müsst ihr das aber machen! Das 2:2 kam zum psychologisch richtigen Zeitpunkt“, „Jetzt wirds ne Konditionsfrage, wir hatten in den letzten 10 Tagen 4 Spiele.“, „Egal, ihr macht das schon. Das weiß ich“. Alles klar. So kackt es sich direkt besser.



Befreit geht es in Halbzeit 2, wo dann doch mit härteren Bandagen gekämpft wird. Nach einem Check gegen den Publikumsliebling, welcher daraufhin ins Platzbegrenzungsgestänge rutscht, kochen kurz die Emotionen hoch. Sah wirklich nicht gut aus und als dann noch zwei Spieler Richtung Kabine sprinten, befürchtete ich schon nen Spielabbruch. Ein „Eisbeutel aus“ später, konnte man sich dann auch wieder beruhigt dem Schaschlik-Brötchen widmen. Wenige Sekunden spät wurde der Eisbeutel-Notstand gelöst und es ging es für alle Beteiligten weiter. Unterhaltsam blieb es nicht nur, als der Gästekeeper unter dem Spot der Heimanhänger beim Abwurf aus einigen Metern gezielt seinen eigenen Spieler abschoss. Orlatal drehte wie aufm Pott prognostiziert das Spiel und entschied in Minute 84 mit dem 4:2 vermeintlich das Spiel. Konnte ja keiner ahnen, dass in der 86. das 4:3 fällt, eine Minute später ein Heimheld nach einem Faul nochmal nachtrat und glatt Rot kassierte. Die Emotionen kochten hoch, dass selbst Sergio Ramos neidisch gewesen wäre. Unter dem lauten Gepöbel der Rentnereliten am Spielfeldrand wurde wirklich jede Sekunde nachgespielt und punkt 20 Uhr ertönte dann der erlösende Schlusspfiff. Die abschließende Sitzung mit Spielanalyse wurde meinerseits geschwänzt, da man lieber noch ein wenig durchs Tal schlawenzelte. Eine überragende Reise wurde auf der Rückfahrt erfolgreich verlesen. Wegen einer Weichenstörung wurde auch hier fleißig Verspätung gesammelt.
Fazit: Kreisliga-Fußball und Deutsche Bahn – eigentlich alles wie immer.

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