SSV Jahn Regensburg (2-3) 1.FC Heidenheim
28.05.2023 / 15:30 Uhr
Jahnstadion Regensburg / 14.189 Zuschauer (ca. 5.000 Gäste)
Herren / 2.Bundesliga
Lesezeit: ca 10 Minuten
Es gehört schon zu den Merkwürdigkeiten der heutigen Zeit, dass die Bundesliga immer weiter zur Ansammlung (bisher) unbedeutender Vereine wird, die durch scheinbar unaufgeregte & ehrliche Arbeit mehr erreichen als die großen, einst so etablierten Vereine. Beim Duell Jahn Regensburg gg 1.FC Heidenheim widerstrebt mir zumindest einiges, dass der Jahn absteigt, während Heidenheim letztlich den Aufstieg in die Bundesliga perfekt macht. Die Geschichte des 34.Spieltages ist jedoch aufregender, als ich das vorher erwartet hatte. Aber beginnen wir lieber von vorn.
Über meine ehrenamtlichen Tätigkeiten bin ich mittlerweile einigermaßen gut in die bayrischen Landen vernetzt, was mir den Kauf eines Regensburg-Tickets arg erleichterte. Danke Kai! Eigentlich stand nur die Komplettierung der 2.Liga auf der Agenda & die Erwartung, dass Regensburg noch im Abstiegskampf liefern muss. Letzteres erledigte sich einen Spieltag vorher trotz Auswärtssieg in Braunschweig. Heidenheim wiederum konnte easy mit einem Sieg (oder einer Hamburger Niederlage) den erstmaligen Direktaufstieg in die Bundesliga einfahren.

In der Tabellenspitze war mit den Ansetzungen Darmstadt-Fürth, Heidenheim-Regensburg &
HSV-Sandhausen eigentlich
kaum noch Spannung zu erwarten.
Regensburg hätte nur noch bei einer Bielefelder Niederlage und
15 aufgeholten Toren Differenz
in die Relegation kommen können.
Die Messen scheinen also gelesen.
Vorher gings jedoch nochmal in die Stadt – Sightseeing & Biergarten mit Ortskundigen. Zu gefallen wusste sowohl die Skyline, als auch der kulinarische Part in der „Alten Linde“ auf der Donauinsel. Nur in puncto Service müssen wir nochmal reden. Wenn ich Bierdurst habe, kann man mich doch nicht mit „ich bin nicht für euch zuständig, frag die Kollegin“ abbügeln. Was’n Saftladen! Zum Abschluss noch ne kleine Anekdote: Erbauer von Dom & Donau-Steinbrücke sollen sich seinerzeit einen Wettstreit geliefert haben, wer als erstes fertig wird. Um seinen Brückenbau zu beschleunigen, schloss der Baumeister einen Pakt mit dem Teufel, der wiederum die ersten 3 Seelen bekommt, die die Brücke queren. Der Baumeister jagte also einen Hahn, eine Henne & einen Hund über die Brücke. Vor lauter Wut schuf der Teufel die tückischen Strudel an den Brückenpfeilern, an denen immer wieder Menschen ertranken. Auf der Brücke gibt es übrigens eine Statue, die bis heute rüber zum Dom schaut, wann er denn endlich fertig wird. Gerüste am Turm sprechen wohl dafür, dass es noch etwas dauert.
Die Anreise zum neugebauten Jahnstadion draußen an der Autobahn erfolgte via Bus, was manch Mitreisenden fasst den Mageninhalt kostet. Ein weiteres Argument gegen Neubauten irgendwo auf dem Feld. Optisch ist das Ding ganz ansprechend, besonders die Details, wie einige Tafeln zur Vereinsgeschichte und der Nachbau des Sprecherturms im alten Stadion wussten zu gefallen. Gut gefiel mir auch die Beflaggung auf Heimseite und natürlich die Choreo für Sebastian Nachreiner, der nach 13 Jahren beim Jahn seine Schuhe an den Nagel hängt. Gut ergänzt sich das ganze auch durch den an die Vereinshymne angelehnten Spruch „Wir lieben den SSV Jahn – immerzu und jederzeit“, der hinter der Heimkurve an der Wand steht. „Wastl“ wiederum bedankte sich bei den Fans übrigens mit einer gespendeten Skulptur der Vereinslegende Hans Jakob für seine Zeit im Verein. Zur Akustik kann ich nicht viel sagen – stand ich doch inmitten von den 5.000 Heidenheimern.
Diese nahmen ihrerseits die komplette Hintertortribüne ein & dürften auch auf Haupt- & Gegengrade jenseits der Mittellinie in der Überzahl gewesen sein. Dementsprechend brachial laut war der Support mit einer wirklich guten Mitmachquote – zumindest bis zum 0:2. Enttäuscht war ich optisch – lediglich am eigentlichen Gäste-Stehblock waren Zaunfahnen auszumachen. Beim Einlaufen waren einzelne Rot-blaue Fähnchen zu sehen. Dem Aufruf „Alle in Blau“ waren jedoch die meisten gefolgt. Während des Spiels wurden immer wieder Bengalos & roter und blauer Rauch gezündet. Sehr ansprechend sind die Gesänge gewesen, die ein wenig kreativer waren, als das klassische „Dies-Das-Ole Ole“ der meisten Profivereine. Darunter leidet natürlich dann aber auch gelegentlich die Mitmachquote.
Auf ins Spiel. Halbzeit 1 ist schnell abgehandelt. Während Hamburg drüben schnell in Führung ging, spielte hier vor allem der SSV Jahn einen flotten & bissigen Fußball. Mit Ausnahme des Heidenheimer Keepers, war der Rest wohl schon auf Malle. Unterhaltungswert boten jedoch eigentlich nur krasse Fehlpässe beider Teams und die angeblich 5 Minuten Nachspielzeit des Schiedsrichters. Erst zu Beginn der zweiten Halbzeit konnte sich Regensburg zweimal belohnen, was wiederum auch die Gäste aus ihrem Tiefschlaf riss. Mit dem direkt folgenden Anschlusstreffer erinnerte das Spiel dann endlich mal an einen flotten Schlagabtausch beim Tischtennis, was nur wenige auf ihren Sitzen hielt. Ewige VAR-Überprüfungen mal ausgenommen, wo auch meine Pöbellaune dann endgültig geweckt wurde. Diese brauchte es in der ersten Minute der Nachspielzeit nicht, da der Heidenheim-Elfer – entgegen der landläufigen Meinung – doch sehr berechtigt war. Der daraus resultierende Treffer öffnete das Tor zur Erstklassigkeit dann so dermaßen weit, dass um mich herum noch noch Ektase herrschte. 1 Tor noch und dann ist das Ding durch. Unterdessen hatte der HSV drüben in Sandhausen schon den Platz gestürmt und wähnte sich in Liga 1. Eigentlich war allen klar, dass dieses Tor jetzt hier noch fallen würde. Das liegt wohl auch an der äußerst fragwürdigen Entscheidung 11(!) Minuten Nachspielzeit zu geben. Musst du dir mal überlegen – das sind 1/4 der Brutto-Spielzeit! Die bayrischen Verhältnisse „Es wird so lange gespielt, bis das Ergebnis passt“ finden offensichtlich auch bei Gästeteams Anwendung. Regensburg bekam das Ding nicht mehr hinten raus und in der 99. Minute passierte zum dritten Mal an diesem Wochenende genau das, was man „Lucky Punch“ nennt. Trotz der Begleitumstände krieg ich allein Gänsehaut, wenn ich daran denke. Utopisch. Mir war klar, ich krieg das niemals in Worte & hab deshalb schnell die Kamera gezückt. Obwohl ich nur Hopper bin, ärgert es mich jetzt immer noch, denn solche Momente musst du einfach aufsaugen und nicht sofort daran denken, dass festzuhalten. Es geht sowieso nicht. Nun hab ich’s halt & dann könnt ihr es auch sehen 😉
Die Bullen waren natürlich auch sofort am Start, damit kein einziger Gästefan den heiligen bayrischen Rasen auch nur aus der Nähe ansehen kann. So kam es übrigens auch zu keinem Platzsturm beim anschließenden Abpfiff, für welchen wiederum auch die Regensburger bereit gewesen wären. Ich denke das ist trotz aller Emotion auch i.O. so. Auch wenn das heute nicht immer so wirkte – man ist schließlich trotzdem zu Gast. Enttäuscht zogen dann die Bullen auch rechtschnell beiseite, als sie erkennen mussten, dass es heute nichts zu knüppeln gibt. Zur ausgelassenen Heidenheimer Feier gibt es wohl nicht viel zu sagen, außer dass ich nach den ganzen Pyro’s beim Spiel dachte, dass da noch was kommt. Nach 101 Minuten Spielzeit waren die Vorräte dann aber wohl aufgebraucht. Ich hab übrigens bis zur Rückfahrt gebraucht, um zu verstehen, dass mit der Darmstädter Niederlage dann ja sogar die Meisterschaft nach Heidenheim geht. Blitzmerker halt.
Auch die Heimseite applaudierte ihrer Mannschaft für ihren bockstarken Auftritt, feierte ihren „Wastl“ und suchte die Rückenschluss für die anstehende 3.Liga-Saison. An sich ein angenehmes Ambiente, wenn nicht die Heidenheimer Spieler nochmal auf die glorreiche Idee gekommen wären, die komplette Gegengrade abzuklatschen, dabei die Mittellinie überschritten und dann kurz vorm Sechszehner von eigenen Betreuern in aller letzter Sekunde zurück geholt wurden. Die ersten Heimfans hatten nach einem gellenden Pfeifkonzert den Zaun grade überquert. Ist halt maximal unsensibel und wurde vom eigenen Stuff auch sofort klar unterbunden. Scheint aber generell ein Heidenheimer Problem zu sein. Bereits während des Spiels hatten zwei Jahn-Ultras den „Szenefotografen“ des FCH zurück auf seine Seite begleitet, nachdem der offensichtlich die Heimkurve fotografiert hatte. Da wird man an der Brenz wohl noch viel lernen müssen, wie das im großen Geschäft so läuft. In Regensburg hofft man unterdessen auf Bielefeld. Gewinnen die ihre Relegation gegen Wiesbaden (Funfact: die haben ebenfalls gestern bereits den Platz gestürmt gehabt, als Osnabrück das Spiel noch drehte), könnte im Falle einer nicht erteilten Hertha-Lizenz bis zum 7.Juni, Regensburg noch die Klasse halten. Einfach alles wild dieses Jahr.
#Flo

















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