„Deutscher Meister wird nur der MSV“ – Abstieg(skampf?) in Meiderich.


MSV Duisburg (3:1) SV Sandhausen
27.04.2024 / 14:00 Uhr
Schauinsland-Reisen-Arena (Duisburg) / 10789 Zuschauer (ca. 30 Gäste)
Herren / 3.Liga


Als 1963 die Bundesliga gegründet wurde, war der MSV Duisburg fester Bestandteil und repräsentierte neben Dortmund und Schalke das seinerzeit noch industriell pulsierende Ruhrgebiet. Der MSV wurde in der Premierensaison sogar Vizemeister und schon bald aufgrund der gestreiften Trikots nur noch die „Zebras“ genannt. Die größten Vereinserfolge sind jedoch der UEFA-Cup-Halbfinal-Einzug 1979, wo man ausgerechnet gegen den späteren Sieger Gladbach verlor und die 4 DFB-Pokal-Final-Teilnahmen 1966, 1975, 1998 und 2011. Wieso ich das aufzähle?
Weil das noch besser vor Augen führt, wie tief dieser Verein seitdem gefallen ist.

Unsere erste Station führt uns zum blau-weißen Patienten von der Wedau. Bahnstory’s gäbe es auch einige, was jedoch nur langweilen würde (Zeit wurde gut mit Football Factory rumgebracht). Genauso, der obligatorische Döner vorm Kick in Duisburg (Haus des Döners, Qualität ok, Preis-Leistung ok). Nicht mal Story’s mit der adretten Herbergsmutti gibt es zu vermelden. Man ey.

Also schnell ins Stadion, wo wir Zeugen eines denkwürdigen Nachmittages wurden. Einstieg bot uns die „Worte der Kohorte“-Lektüre aus der gleichnamigen MSV-Ultraszene, welche mit einer guten Prise Galgenhumor die Situation aufarbeitet und gleichzeitig mit einem Großteil der Mannschaft abrechnet. „Abkassieren der netten Frührente“ und „Aber immerhin: der Schwiegervater ist MSV-Fan. Reicht wohl als scheinbare Identifikation…“ lassen keine Zweifel, dass der Haussegen mächtig schief hängt. Oft hört man, der MSV habe „die 3.Liga nicht angenommen“, „Topspieler & Trainer auf Pump finanziert und gehofft, es wird schon irgendwie gut gehen.“

„Dass sich solche Spieler dann herausnehmen, während des eigenen Abstiegskampes dumme Kommentare über den potenziellen Zweitligaabsteiger aus Gelsenkirchen zu machen, löst zumindest in mir Wut aus. Vor allem wenn man selbst der größte Chancentod der Rückrunde ist. Was die Schalker mit ihren Söldnern in der Vergangenheit gemacht haben, kann dir herzlich egal sein, denn du spielst für den MSV. Aber trotzdem, vielen Dank für die Idee, Daniel (Ginczek)!“ – (Worte der Kohorte)

Ein großes „Ihr seid ne Schande für Duisburg“-Banner unterstrich diese Haltung. Passend dazu, dass die Mannschaft sich nach dem Aufwärmen nicht vor der Kurve präsentiert. Und dann gingen sie los die Überraschungen: die Aufstellung wurde in voller Lautstärke zelebriert, wobei die einzigen beiden Spieler mit Identifikation und Zukunftsperspektive auch für Liga 4 mit frenetischem Applaus gefeiert wurden. Dies geschah so einstudiert, dass man davon ausgehen kann, dass dies nicht erst seit heute so ist. Es folgten der allseits bekannte Zebratwist und Hymne, die der Kollege neben mir so lautstark zelebrierte, dass ich Angst um meine Ohren bekam. Nicht zu hören, waren wenig überraschend die Sandhäuser Gästekurve. Ganze 30 Mann haben an einem entspannten Samstagnachmittag die Strecke auf sich genommen. Ich bin ein respektvoller Mensch, aber dass ist einfach lächerlich und bekommt deshalb keine weitere Aufmerksamkeit. Nur so viel: mit einem Spruchband wurde auf die Öffentlichkeitsfahndung der Schalker Polizei hingewiesen. Dies taten auch die Duisburger mit einem eigenem Beitrag in der anfangs erwähnten Lektüre.

Kurz zum Ground – die Schauirgendwohin-Reisen-Arena (die ab nächster Saison nicht mehr so heißt, da der Sponsor die Reißleine gezogen hat). Gebaut mal für die Bundesliga, passen hier 31.500 Zuschauer rein. Voll war sie schon länger nicht mehr. Gute Nachricht für alle Hopper – sie wird nächstes Jahr definitiv auch in Liga 4 bespielt. Die Stadt überlässt dem Verein wohl die Miete im Rahmen einer Stundung. Dieses Geld braucht man auch für andere tolle Dinge – um z.B. die Verbindlichkeiten bei Schauinslandreisen zu tilgen. Bis Sommer 2025 muss der e.V. (natürlich hat e.V. die Hauptlast und nicht die GmbH) rund 4 Millionen Euro auftreiben. Andernfalls. Ja was andernfalls? So richtig bin ich nicht schlau geworden, wo das Geld nun her kommen soll und was passiert, wenn es nicht auftaucht. Aber letztlich reden wir hier von Insolvenz und Liquidation. Als Leipziger kennt man sich damit ja gut aus.

Es war klar, dass der rechnerische MSV-Abstieg heute noch nicht erreicht werden kann. Wiederum wird der Klassenerhalt auch nicht mehr zu holen sein. Nicht mit dieser Truppe. Was mit diesem Satz gemeint war, kapierten wir von Sekunde 1 des Spiels. Es folgte ein Gestolper und Zufallsgekicke der Extraklasse. Auch die Gäste aus Sandhausen ließen sich sofort vom Anti-Fußball anstecken. Klar, dass Sandhausen in Minute 21 den mittig geschossenen Foulelfmeter (inkl. Nachschuss) verballert. Nur 8 Minuten später gab es auf der Gegenseite den Handelfer für Duisburg, der utopischerweise im Kasten landet und durch den nächstmöglichen Zufallsschuss vom MSV sogar zu einer 2-0-Führung ausgebaut wurde. Der bis dahin ganz schicke Heimsupport artete daraufhin jedoch völlig aus. Irgendwo zwischen „Deutscher Meister wird nur der MSV“, „Gegen Duisburg kann man mal verlieren“ und Laola-Wellen verstanden wir beide dann auch relativ schnell, welches Stadium der Verzweiflung hier mittlerweile erreicht wurde. Darüber hinaus war das aber ein stabiler Support im Unterrang, wobei ich mir vorstellen kann, dass Kohorte & co im Oberrang noch lauter wären. Dieses Experiment wurde im vergangenen Jahr auch durchgeführt, hat sich jedoch nicht bewährt. Der Support wäre in manchen Ecken des Stadions wohl nur noch arg zeitversetzt oder gar nicht angekommen. Naja, zurück zum Sportlichen. Dass aus diesem 2:0 letztlich noch ein 3:1 wurde, war wohl ganz maßgeblich der Verdienst von Nachwuchshoffnung Maximilian Braune (20 Jahre). Dieser fischte so ziemlich alles von der Linie, was ging und wurde nicht nur deshalb nach dem Spiel von den Fans euphorisch gefeiert. Wahrscheinlich bleibt er der Letzte, der nach einem Neustart in Liga 4 noch an Bord ist. Und so war er eben auch der einzige, der sich heute der Fankurve nähern durfte, während der Rest wüst beschimpft wurde. Der Anti-Rassismus-Kampagne „Gepflegt eskalieren statt diskriminieren!“ wurde also Sorge getragen.

Das „Wunder der Wedau“ bekommt also nochmal eine Chance. Nur eine Woche später wird der Traum jedoch vollends beerdigt. Mit dem blamablen 3:5 beim Tabellenletzten Lübeck, ist endgültig Schicht im Schacht. Als hätte es der Dudelsackspieler vorm Stadion bereits geahnt, ertönten beim Verlassen die Klänge von „Auld Lang Syne“ – nur unterbrochen durch einige Böllerwürfe. Die wird man sicher dann auch nächstes Jahr hören, wenn man wieder nach Oberhausen fahren darf. Zumindest kann es dann einen echten Neustadt geben.

#Flo

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