Vogtländische Wutbürger & inkonsequente Blauwesten

VFC Plauen (0-1) 1.FC Lokomotive Leipzig
22.11.2024 / 19:00 Uhr
Vogtlandstadion (Plauen) / 2.345 Zuschauer (850 Gäste)
Herren / Regionalliga Nordost (4.)


Ende November auf einen Freitagabend nach Plauen zu scheppern, ist eigentlich eine Idee die niemals von der kälteempfindlichen Parthenstädter-Crew kommen konnte. Ergänzt wurde die Besatzung um Ferdi und Groeg und steuerte nach getanem Tagwerk den frostigen, vogtländischen Abendböen entgegen. Zu unserem Entsetzen warteten keine Schneeberge auf unseren Teilauto-Flitzer. Aufgehalten wurden wir erst am Stadion der Spitzenstadt – und das aufgrund unseres Kennzeichens gleich mehrfach. Trotz Plauen-Schal war das für viele Sicherheitsbemühte nicht begreifbar, dass wir in den Heimbereich möchten und keinen Schabernack geplant haben. Die letzte Hürde „Ey, dass sind doch Leibzscher“ quittierte unser Fahrer Johannes dann entnervt mit quietschenden Reifen. Nach dem neuerdings üblichen und von Basti eingeführten Umziehritual durfte das Vogtlandstadion geerntet werden. Zelebriert wurde der Revisit natürlich mit einer feinsten Hirtenrolle, bevor wir dann unsere Plätze auf der Haupttribüne einnahmen und den Blick durch’s weite Rund schweifen liesen. 10.500 Zuschauer hatten hier eigentlich mal Platz, wobei heute noch 5.000 sich rund um die Tartanbahn versammeln dürfen. Man darf mal so festhalten, dass ich die Kapazität eher beim Zuschauerrekord von 1968 (Juniorenländerspiel) mit 20.000 verorten würde. Mit dem Umbau 2011 wurden einige ehemalige Stehplatzränge begrünt und zurück gebaut. Letzte große Anekdote ist sicher der Blocksturm von Jena mit deutlicher Überzahl, um eine jahrelange alte Fehde mit der Plauener Szene zu rächen.

Die Loksche hatte unter dem Motto „Auf zum Kampf“ in entsprechender Aufmachung und mit Mottoschal letztlich 850 Schlachtenbummler mobilisieren können. Zum Intro wurde vergrößerte Oldschool-Schal zum ausgerufenen Motto präsentiert und mit Blinkern+Rauch Licht ins Dunkel gebracht. Der dazu eingeübte Gesang klang melodisch ansprechend und machte irgendwie Bock. Jedoch war er nur sehr leise zu vernehmen, was sicher auch an der teils geringen Mitmachquote lag. Das blau-gelbe Publikum wird eben vor allem durch Schlachtrufe mitgenommen, die später dann auch ansprechend durchs weite Rund schallten. Alles in allem war das Intro trotzdem ansprechen, wenngleich ich beim ausgerufenen Motto noch ein wenig mehr „Auf zum Kampf“ erwartet hätte. Ärgert mich ja selbst – Erwartungshaltung ist beim Groundhopping einfach auch nicht angebracht. Über weite Teile des Spiels durfte Lok definitiv ein guter Auftritt zugeschrieben werden, der regelmäßig durch einzelne Fackeln untermalt wurde. In bemerkenswert nerviger Konsequenz rief das natürlich den Stadionsprecher auf den Plan, der mit seiner Ansage „Pyro ist verboten und deshalb dürft ihr keine Zünden!“ früh Akzente setzte.

Auch Plauen startete mit einer Choreografie zu 90 Jahre Vogtlandstadion. Die schwarz-gelben sind für ihre überaus kreative Ultraszene bekannt und sorgten mit zwei Flutlichtmasten, der wirklich kultigen Anzeigetafel samt Aufschrift „90 Jahre“ und dem vorhängenden Tifo „Vogtlandstadion“ für einen schicken optischen Akzent. Verschiedenfarbige Breslauer rundeten das Gesamtbild ab. Einzelne Pyroelemente erblickten auch hier im Laufe des Spiels noch das Licht. Ungeklärt ist die Herkunft der in der zweiten Halbzeit hinter dem Stadion gezündeten Batterie. Sie brachte jedenfalls die Bullen in Aufruhr und war damit auch ein gelungener Akzent. Akustisch war die heimische Badkurve oft gut zu vernehmen und verbreitete bei uns wie immer gute Laune.

Es folgte eine der bemerkenswertesten Schiedsrichterleistungen, die ich mir auf diesem Niveau als Neutraler geben durfte. Es begann in der 45. Minute mit einer roten Karte für eine Plauener Tätlichkeit durch den Spieler mit dem passenden Namen Kämpfer. Dem voran gegangen war ein Foul seitens Lok an Kämpfer, was der Schiri nicht pfeift (obwohl er in meiner Wahrnehmung ihm auf den Fuß springt). Kämpfer springt anschließend auf, rennt zum blau-gelben Siebeck. Über die Intensität der anschließenden Berührung scheiden sich die Geister – sie steht jedoch definitiv in keinem Verhältnis mit der Siebeck’schen Flugkurve. Theatralik ist oft ein wichtiger Schlüssel zum sportlichen Erfolg (Neymar hust) und Lok macht das dann auch im Stile einer Spitzenmannschaft. Auf Regionalliganiveau darf man jedoch erwarten, dass der Schiedsrichter das der Spielklasse entsprechend löst. Ermahnung beider und weiter-machen wäre der Regionalliga-Gangart absolut angemessen gewesen.
Verloren hatte mich Lars Albert dann aber bei der anschließenden gelben Karte. Nach der beschriebenen Roten reklamierte der Plauener Coach kurz erfolglos. Als die Situationen gelaufen war, drehte er sich zum Publikum um, welches ja nun einmal stand und feuerte es mir Gesten auf, Stimmung zu machen. Wohlgemerkt – Pfiffe oder „Schieber“-Rufe waren nicht zu vernehmen. Trotzdem gab es umgehend dafür Gelb. In der zweiten Halbzeit verfestigte sich die Vorahnung, dass diese strenge Linie sehr einseitig gefahren wird. So gibt es in der Schlussphase einen Elfmeter für Lok (kann man definitiv geben) & nach dem Tor des Tages läuft die Lok-Traube direkt zur heimischen Badkurve und jubelt demonstrativ mit auffordernden Gesten vor ihr. Vom Schiri konnte nicht mal eine Ermahnung wahrgenommen werden. Plauen-Coach Oswald wird sich schwer verarscht vorgekommen sein.

Wenige Sekunden später kommt der Plauener Träger im Strafraum der Gäste zu Fall. Ja, er sucht das Foul und nimmt es dankend an. Aber wieder bleibt der Pfiff aus. Daraufhin greift er beim Aufstehen an das Bein des Lokisten, welcher diesen Kontakt wiederum dankend annimmt und erneut fällt. Die Linie hats gesehen: Tätlichkeit & folglich rot. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Auch wir waren längst emotionalisiert und reihten uns ins wütende Bergvolk ein. Sicher weil wir das ebenso nicht verstanden, aber natürlich auch weil Emotionen geil sind und diese unsere vom eisigen Wind längst eingefrorenen Visagen wieder ein wenig erwärmten. Ich mag unser Hobby dafür, sich voll auf das Geschehen einlassen zu können, mitzufiebern und dann aber auch wieder erleichtert nachhause gehen zu können. Das lebendige, vogtländische Publikum (2.345 Zuschauer) insbesondere in der Stehplatzkurve und Block B nahm uns da wirklich auch voll mit.

Mit Abpfiff hatten nicht nur wir den Gedanken, zum eingezäunten Spielergang zu gehen. Es folgte ein sehenswerter 50m-Walk-of-shame für das offiziellen Gespann. Wüste Beschimpfungen, fliegende Bierbecher und Zaunsrüttler, die mich kurz hinterfragen ließen, ob das Ding wirklich stehenbleibt. Ein bisschen ratlos bin ich über mein eigenes Verhalten – wollte ich doch eigentlich nur gucken, fand ich meine eiskalten Patscher selbst am Zaun wieder. Gruppendynamiken sind schon etwas tolles. Kaum war das Gespann in der Kabine verschwunden, war der Brass weggeweht. Man drehte sich direkt um, verabschiedete sich entspannt und tat so, als wäre nichts passiert. Faszination Mensch würde mein Kumpel Hannes sagen. Den Polizeischutz hatte das Schiedsrichtergespann für den Rest des Abends sicher. Und wir holten uns beim herzlichen Barkeeper noch nen Kaffee und spazierten dann zurück zum Auto.


Plauen hat sich mit hohem Engagement gut verkauft und den zuletzt nicht mehr ganz so furiosen Lokis mehr als nur ein Bein gestellt. Diese bissen sich nach einer starken Anfangshalbenstunde die Zähne an Schwarz-Gelb aus. Dass das Spiel letztlich so entschieden wurde, war dem Kick durchaus nicht würdig. So kann Lok den Vorsprung auf Verfolger Halle auf 10 Punkte ausbauen. Plauen hängt immer noch der schwache Saisonstart nach und steht nachwievor unten drin. Und Lars Albert wird in Zukunft noch kritischer beäugt werden. Es war eben leider auch nicht das erste Spiel, was mir bei dem RB Leipzig-Schiri merkwürdig vor kam.

Die Rückfahrt gelang fliegenderweise über die A9 und ratzfatz war man zurück in der Messestadt. Groeg legte als DJ wie gewohnt nochmal stabil nach. Bei „Besuchstag“ von Celo&Abdi und sämtlichen Falco Klassikern wie „Jeanny“ wurden die letzten Emotionen aus der Besatzung gekitzelt. Gekrönt von einem „Ich glaub ich mag die WeMa schon sehr“-Liebesgeständnis kann auch dieser Freitagabend-Trip dann zu den „War-Geil“-Akten gelegt werden.

#Flo

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